Wissenschaftlicher Fokus

Knochenaufbau für Implantate: Verfahren, Materialien & Kosten

Autor: Dr. med. Dr. med. dent. Thomas Müller-Hotop, M.Sc. Veröffentlicht: 05.03.2021 Aktualisiert: 27.02.2026 Lesezeit: 15 Min.

Ein sicherer und fester Halt für Zahnimplantate erfordert ein stabiles Fundament. Hat sich der Kieferknochen jedoch in Breite, Höhe oder Dichte bereits zurückgebildet, ist eine Implantation nicht ohne Weiteres möglich. In der modernen Zahnmedizin stehen hochentwickelte, chirurgische Knochenaufbau-Verfahren (Augmentation) zur Verfügung, um den Kiefer wiederherzustellen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Ursache: Fehlt ein Zahn, fehlt der Belastungsreiz beim Kauen. Der Knochen wird porös und schwindet. Ohne ausreichendes Knochenvolumen findet ein Implantat keinen Halt (Osseointegration) [1].
  • Die Materialien: Zum Aufbau wird eigener Knochen des Patienten (autolog) oder hochsicheres Ersatzmaterial (allogen, tierisch oder synthetisch) verwendet, welches vom Körper integriert oder zu Knochen umgebaut wird.
  • Die Verfahren: Je nach Defizit (Knochen zu schmal oder zu niedrig) wenden Implantologen bewährte plastisch-operative Standard-OPs an – vom Sinuslift im Oberkiefer bis zur Knochenspreizung (Bone-Spreading).
  • Die Kosten: Die Kosten variieren je nach Aufwand und Materialmenge zwischen ca. 300 € und über 2.000 €. Gesetzliche Kassen übernehmen diese Privatleistung in der Regel nicht.
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Ich bin Thomas Müller-Hotop, Arzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und seit über 30 Jahren leidenschaftlicher Implantologe.

Man muss sich das so vorstellen: Ein Zahn wird belastet und diese Belastung im Knochen ist der sogenannte funktionelle Reiz für den Knochen – dadurch bleibt der Knochen erhalten. Wenn der Zahn fehlt, fehlt dieser Reiz. Dadurch schwindet der Knochen aber auch die Knochendichte. Das heißt, der Knochen wird poröser. In dem Zusammenhang verändert sich dann eben auch die Schleimhaut.

Wenn ein Knochenschwund vorliegt, also eine sogenannte Knochen-Atrophie oder die Knochenqualität besonders schlecht geworden ist, dann ist ein Knochenaufbau notwendig. Dieser Knochenaufbau wird manchmal vor einer Implantation notwendig sein; manchmal kann man ihn aber auch im Zusammenhang mit einer Implantation durchführen.

Es gibt unterschiedliche Typen von Knochenaufbau. Das sind sogenannte Osteoplastiken, wo Knochen angelagert wird, aufgelagert wird, zwischendrin eingelagert wird. Es gibt das berühmte Sinuslift, wo im Oberkiefer-Seitenzahnbereich die Kieferhöhlen-Schleimhaut angehoben wird und dann Knochen eingelagert. Das sind so verschiedene Techniken, mit denen man im Laufe der Zeit sehr gute und sichere Erfahrungen gemacht hat.

Es gibt unterschiedliche Materialien für den Knochenaufbau. Es gibt den Knochen vom Patienten selbst, das ist der sogenannte autologe Knochen. Den kann man entnehmen aus dem Beckenkamm, aus dem Unterschenkel, aus dem Kieferwinkel oder aus dem Kinnbereich. Es gibt Knochen von anderen Menschen. Es gibt Knochenmaterial vom Tier, das sogenannte xenogene Material, und es gibt künstliches Knochenersatz-Material, sogenanntes alloplastisches Material.

Es ist ganz unterschiedlich, wie der körpereigene Knochen mit dem Knochenaufbau-Material umgeht. Einmal wird es eingebaut, dann wird es wieder umgebaut oder es gilt als Gerüst für den körpereigenen Knochen.

Wie bei jedem operativen Eingriff gibt es auch hier natürlich Risiken, das entscheidende und wichtigste Risiko ist die Wundinfektion. Im schlimmsten Fall geht das Knochenaufbau-Material verloren und die Operation ist ein Misserfolg.

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Die European Centers for Dental Implantology (ECDI) dokumentieren jedes eingesetzte Implantat und werten die Daten wissenschaftlich aus. So können wir die Qualität von Behandlungen stetig verbessern. Unsere Mitglieder sind erfahrene Implantologen, die nach strengen Kriterien ausgewählt werden.

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Dr. Thomas Müller-Hotop

Dieser fachmedizinische Ratgeber wurde verfasst von:
Dr. med. Dr. med. dent. Thomas Müller-Hotop, M.Sc.
Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Fachzahnarzt für Oralchirurgie, M.Sc. Implantologie.

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1. Warum baut sich der Kieferknochen ab?

Jeder Knochen in unserem Körper benötigt einen mechanischen Reiz, um stark und dicht zu bleiben. Bei den Kieferknochen entsteht dieser Reiz (die funktionelle Belastung) ganz natürlich durch das tägliche Kauen.

Wenn ein oder mehrere Zähne verloren gehen, entfällt dieser Stimulus in der betroffenen Region komplett. Der Körper registriert, dass der Knochen an dieser Stelle scheinbar nicht mehr gebraucht wird, und beginnt ihn abzubauen. Die Folge ist eine sogenannte Knochen-Atrophie: Der Kieferkamm wird schmaler, flacher und der Knochen wird in seiner Struktur porös. Ab einem bestimmten Grad der Rückbildung ist nicht mehr ausreichend Substanz vorhanden, um ein Zahnimplantat sicher und fest zu verankern.

2. Welche Materialien werden verwendet?

Um das fehlende Volumen auszugleichen (sogenannte Augmentationsverfahren [2]), nutzt die moderne Implantologie verschiedene, wissenschaftlich streng geprüfte Materialien. Diese dienen entweder als Gerüst für das Einwachsen neuer Zellen oder werden vom Körper direkt in eigenen Knochen umgebaut.

Knochen & Ersatzmaterialien
  • Autologer Knochen (Eigenknochen): Das körpereigene Knochentransplantat ist der Goldstandard. Der Knochen wird dem Patienten selbst entnommen (z.B. hintere Areale von Ober- und Unterkiefer, Kinnregion, oder bei großen Defekten aus dem Beckenkamm oder der Schädelkalotte). Er wächst nach einer Einheilphase am besten und sichersten ein.
  • Allogener Knochen: Körperfremder, aber menschlicher Knochen aus streng kontrollierten und sterilisierten Spender-Banken. Er wird mit der Zeit resorbiert und durch natürlich darin einwachsenden Knochen ersetzt.
  • Xenogenes Material: Hochgereinigtes Knochenersatzmaterial tierischen Ursprungs (meist vom Rind) oder pflanzlichen Ursprungs. Es behält oft seine rein mineralische, poröse Gerüststruktur und fördert so das Einwachsen eigener Zellen.
  • Alloplastisches Material: Synthetisch bzw. künstlich hergestelltes Ersatzmaterial aus dem Labor (z.B. auf Basis von Trikalziumphosphat).

3. Die chirurgischen Methoden (Osteoplastiken)

Die Wiederherstellung des Knochenvolumens im Rahmen eines plastisch-operativen Eingriffs ist bestens erprobter Standard. Die Wahl der geeigneten Methode richtet sich präzise nach dem vorliegenden Defizit (zu schmal oder zu niedrig) und der Stelle im Mund. ECDI-Spezialisten werten hierfür hochauflösende 3D-Röntgenbilder (DVT) aus.

Ablauf eines Sinuslifts

Der Sinuslift (Kieferhöhlen-Anhebung)

Das häufigste Verfahren im Seitenzahnbereich des Oberkiefers. Ist die Knochenhöhe und somit der Abstand zur darüber liegenden Kieferhöhle zu gering (Gefahr des Durchbruchs in die Höhle), wird die Kieferhöhlenschleimhaut schonend angehoben. Der entstandene Hohlraum wird mit Ersatzmaterial (oft versetzt mit Eigenknochen) aufgefüllt.

Bone Spreading und Splitting

Bone-Spreading & Splitting

Ist der Kieferkamm zu schmal für ein Implantat, wird er beim Bone-Splitting (z.B. mit kleinen Sägen oder piezochirurgisch) mittig in Längsrichtung gespalten. Beim Bone-Spreading werden die Knochenpartien durch Schraubkörper („Spreader“) seitlich aufgedehnt. Der entstandene Spalt wird aufgefüllt.

Auflagerungsosteoplastik

Auflagerungsosteoplastik

Bei einer vertikalen Atrophie (der Kieferkamm ist zu niedrig) wird das Knochenersatzmaterial direkt von oben auf den Kieferkamm aufgebracht im Sinne einer absoluten Kieferkammerhöhung. Diese Technik ist seit vielen Jahrzehnten Standard [4] und wird in Verbindung mit Implantaten wieder vermehrt angewendet [5].

Anlagerungsosteoplastik

Anlagerungsosteoplastik

Statt dem Bone-Spreading oder -Splitting besteht auch die Möglichkeit, dem atrophierten Kieferkamm seitlich Knochenblöcke oder Knochenersatzmaterial anzulagern, um hierdurch eine ausreichende Kieferkammbreite für die Implantation zu erzielen [3].

Interpositionsosteoplastik

Interpositionsosteoplastik (vertikal)

Auch hier geht es um Höhengewinn. Der Kieferkamm wird von der Basis gelöst und nach oben verlagert. In den entstandenen Hohlraum wird das Augmentat als Interponat eingebracht. Der Vorteil: Das Material wird von zwei Knochenflächen bedeckt, Blutgefäße wachsen schneller ein und der Umbau in körpereigenen Knochen geht zügiger [6].

Distraktionsosteogenese

Distraktionsosteogenese

Ein Prinzip aus der Orthopädie: Der Knochen wird durchtrennt und mit einer Dehnschraube (Distraktor) täglich um ca. einen Millimeter auseinandergezogen. Der Körper füllt den Spalt natürlich mit neuem Knochen (Kallus) auf. Zwischen Einsetzen des Distraktors und der Festigung der Struktur vergehen ca. 12 Wochen.

4. Risiken und Erfolgschancen

„Wie bei jedem operativen Eingriff gibt es auch beim Knochenaufbau Risiken. Das entscheidende und wichtigste Risiko ist die Wundinfektion. Im schlimmsten Fall geht das Knochenaufbau-Material dadurch verloren. Aber: Mit den verschiedenen Techniken haben wir im Laufe der Zeit sehr gute und extrem sichere Erfahrungen gemacht.“

5. Was kostet ein Knochenaufbau?

Pauschalpreise gibt es in der seriösen Implantologie nicht. Die Kosten für einen Kieferknochenaufbau hängen maßgeblich vom gewählten chirurgischen Verfahren, der Schwierigkeit des Eingriffs, der Menge des benötigten Knochenersatzmaterials und der Art der Betäubung (z.B. Vollnarkose) ab.

Art der Knochenaufbau-Behandlung Grobe Kostenschätzung (pro OP-Gebiet)*
Kleinerer Knochenaufbau
Wird oft zeitgleich mit der Implantation durchgeführt (z.B. Bone-Spreading oder Auffüllen kleiner Lücken)
ca. 300 € – 500 €
Sinuslift (Kieferhöhlenanhebung)
Interner oder externer Sinuslift im Seitenzahnbereich des Oberkiefers
ca. 800 € – 1.500 €
Aufwändige Augmentation (Knochenblock)
Umfangreicher Aufbau mit Eigenknochen (z.B. Entnahme aus Kieferwinkel oder Beckenkamm)
1.500 € – 2.500 € +

*Hinweis: Es handelt sich um grobe Richtwerte inklusive Materialkosten. Da jeder Kiefer individuell ist, können die tatsächlichen Kosten nach GOZ abweichen.

Kostenerstattung

Zahlt die Krankenkasse den Knochenaufbau?

Zahnimplantate und die damit verbundenen Vorbehandlungen (wie der Knochenaufbau) gelten als privatärztliche Leistungen. Die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) übernehmen die Kosten hierfür in der Regel nicht. Sie zahlen lediglich den befundorientierten Festzuschuss für die spätere Suprakonstruktion (die Zahnkrone).

Eine Kostenübernahme durch die GKV erfolgt nur bei strengen Ausnahmeindikationen (z.B. nach schweren Tumoroperationen oder Unfällen, bei denen der Kiefer massiv rekonstruiert werden muss).

Private Krankenversicherungen (PKV) und Zahnzusatzversicherungen beteiligen sich hingegen oft anteilig oder vollständig an den Kosten für eine Augmentation – abhängig von den vertraglichen Bedingungen. Vor dem Eingriff erstellt Ihnen Ihr ECDI-Zentrum einen detaillierten Heil- und Kostenplan (HKP), den Sie zur Prüfung und Freigabe bei Ihrer Versicherung einreichen sollten.

Häufige Fragen (FAQ): Knochenaufbau

Tut ein Knochenaufbau weh?
Nein. Der chirurgische Eingriff selbst findet unter lokaler Anästhesie, Dämmerschlaf oder Vollnarkose statt und ist völlig schmerzfrei. In den ersten Tagen nach der Operation können Schwellungen und typische Wundschmerzen auftreten, die sich mit üblichen Schmerzmitteln und Kühlung jedoch sehr gut kontrollieren lassen.
Findet der Aufbau und die Implantation gleichzeitig statt?
Das hängt vom Ausgangsbefund ab. Wenn noch eine gewisse Grundstabilität des Kiefers vorhanden ist, kann der Implantologe in nur einer einzigen Operation den Knochenaufbau (z.B. den Sinuslift oder das Bone-Spreading) und das Einschrauben des Implantats zeitgleich durchführen. Bei sehr massivem Knochenverlust muss der Aufbau erst einige Monate in Ruhe knöchern aushärten (einheilen), bevor in einem zweiten Eingriff implantiert werden kann.
Welches Knochenersatzmaterial ist das beste?
Als „Goldstandard“ gilt nach wie vor der körpereigene Knochen (autologer Knochen), da er die körpereigenen Wachstumsfaktoren enthält und am schnellsten einheilt. Für viele Standard-Situationen (wie den Sinuslift) haben sich jedoch hochgereinigte, tierische oder synthetische Knochenersatzmaterialien als absolut sicher und langlebig bewährt, da sie dem Patienten eine zweite Operationswunde (zur Knochenentnahme) ersparen.
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist nur über die ECDI-Arztsuche in einem persönlichen Beratungsgespräch möglich.
Wissenschaftliche Quellenverweise

Die ECDI arbeitet streng evidenzbasiert. Dieser Artikel stützt sich auf folgende Fachpublikationen und Literaturquellen zur Augmentationschirurgie:

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Osseointegration
  2. augmentare (lateinisch) – vermehren, fördern
  3. Jensen, S.S., Terheyden, H. Bone augmentation procedures in localized defects in the alveolar ridge: clinical results with different bone grafts and bone substitute materials. Int J Oral Maxillofac Implants 2009;24:218-236
  4. Härle, F. Atlas der präprothetischen Operationen. München: Hanser, 1989
  5. Terheyden, H., Meijer, G.J., Raghoebar, G.M. Vertical bone augmentation and regular implants versus short implants in the vertically deficient posterior mandible: a systematic review and meta-analysis of randomized studies. Int J Oral Maxillofac Surg. 2021 Sep;50(9):1249-1258
  6. Terheyden, H. et al. Interpositionsosteoplastiken bei großen Vertikaldefekten der Kiefer. Implantologie 2021;29(4):413-423

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Zahnimplantate: Themenübersicht

  • Wir erklären, was Zahnimplantate sind, welche Implantatarten es gibt, wie die Behandlung (Implantation) abläuft sowie Vorteile, Nachteile und Kosten.

  • Implantate bieten festen Halt, mehr Lebensqualität und bessere Ästhetik – aus Titan oder Keramik, je nach Bedarf, Wunsch und finanzieller Möglichkeit.

  • Gute Implantologie braucht Erfahrung, Ausstattung und Hygiene. Billigangebote lohnen selten – Qualität sichert langfristigen Behandlungserfolg.

  • Implantate ersetzen Zähne dauerhaft, verbessern die Lebensqualität und lohnen sich langfristig – bei richtiger Arztwahl, Pflege und regelmäßiger Kontrolle.

  • Implantate sind nicht für jeden geeignet. Bei Risiken wie Erkrankungen oder schlechter Mundhygiene ist klassischer Zahnersatz oft die bessere Wahl.

  • Brücken sind günstiger und schneller als Implantate, erfordern aber Zahnsubstanzverlust und können ästhetische Nachteile bringen.

  • Implantate brauchen Zeit zum Einheilen – wie ein Knochenbruch. Gute Hygiene, Rauchverzicht und Geduld fördern die Heilung und den Erfolg.

  • Die Implantation ist ein geplanter Routineeingriff. Kühlung, Hygiene und ggf. Medikamente helfen, Schwellung und Schmerzen gering zu halten.