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Medizinischer Fachratgeber

Wurzelspitzenresektion (WSR): Ablauf, Kosten & Kassenleistung

Veröffentlicht: 04.03.2021 Aktualisiert: 21.03.2026 Autor: Dr. med. Dr. med. dent. Thomas Müller-Hotop, M.Sc. Lesezeit: 25 Min.

Was ist eine Wurzelspitzenresektion? Eine Wurzelspitzenresektion – kurz WSR, in der Fachsprache auch Apikoektomie genannt – ist ein kleiner chirurgischer Eingriff am Kiefer. Dabei entfernt der Zahnarzt die entzündete Spitze einer Zahnwurzel mitsamt dem umliegenden kranken Gewebe. Sie wird dann nötig, wenn eine vorherige Wurzelbehandlung allein nicht ausgereicht hat, um eine Entzündung im Kieferknochen vollständig zu beseitigen [1].

Das Wichtigste in Kürze

  • Ziel: Ihren eigenen Zahn erhalten – auch wenn eine vorherige Wurzelbehandlung nicht vollständig geholfen hat.
  • Was passiert? Der Zahnarzt entfernt unter örtlicher Betäubung die entzündete Wurzelspitze (ca. 3 mm) durch einen kleinen Zugang im Kieferknochen und verschließt den Kanal von unten bakteriendicht – mit einem speziellen Zement namens MTA [2].
  • Dauer: 30–60 Minuten, ambulant, in einer Sitzung.
  • Kosten: Der Grundeingriff ist Kassenleistung. Für modernste Technik (OP-Mikroskop, 3D-Röntgen) fallen Eigenanteile von ca. 200–500 Euro an.
  • Erfolgsquote: Mit moderner Technik (Mikroskop + MTA) liegen die Erfolgsraten bei 88–96 % [3].
  • Ausfallzeit: Rechnen Sie mit 2–5 Tagen Krankschreibung. Kein Sport für 1–2 Wochen.
  • Alternative: Wenn die Prognose schlecht ist, kann der Zahn gezogen und durch ein Zahnimplantat ersetzt werden.
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Dr. med. Dr. med. dent. Thomas Müller-Hotop, M.Sc.

Dieser Fachratgeber wurde verfasst von:
Dr. med. Dr. med. dent. Thomas Müller-Hotop, M.Sc.
Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Fachzahnarzt für Oralchirurgie, M.Sc. Implantologie.

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1. Wann ist eine Wurzelspitzenresektion notwendig?

Röntgenbild: dunkler Schatten an der Wurzelspitze zeigt die Entzündung

Stellen Sie sich vor, Sie hatten bereits eine Wurzelbehandlung – der Zahnarzt hat also das Innere des Zahns gereinigt und verschlossen. Trotzdem zeigt das Röntgenbild einen dunklen Schatten an der Wurzelspitze: Die Entzündung ist noch da oder ist wiedergekommen. Genau dann kommt die Wurzelspitzenresektion ins Spiel [1].

Die häufigsten Gründe für eine WSR

  • Entzündung bleibt trotz Wurzelbehandlung bestehen: Die Bakterien an der Wurzelspitze lassen sich von innen nicht vollständig erreichen – der Chirurg muss sie „von außen" entfernen.
  • Der Kanal ist nicht erneut zugänglich: Stellt sich vor, im Kanal steckt ein Stift, eine verschraubte Krone oder ein abgebrochenes Instrument – dann kann der Zahnarzt nicht nochmal „von oben" an die Kanäle. Die WSR bietet den Zugang von der Seite.
  • Zyste an der Wurzelspitze: Eine flüssigkeitsgefüllte Kapsel (Zyste) hat sich um die Wurzelspitze gebildet. Sie muss chirurgisch entfernt werden, weil sie sich nicht von allein zurückbildet.
  • Komplizierte Wurzelkanäle: Manche Zähne haben so stark gekrümmte oder verengte Kanäle, dass sie mit Feilen von oben nicht vollständig gereinigt werden können.
  • Schäden an der Wurzelspitze: Zum Beispiel ein kleines Loch in der Kanalwand (Perforation) oder ein Auflösungsprozess der Wurzelspitze von außen (externe Resorption).

Wann ist eine WSR nicht sinnvoll?

In diesen Fällen raten Zahnärzte von einer WSR ab:

Wenn der Zahn einen Längsriss hat (senkrechter Sprung durch die Wurzel – der Zahn ist dann nicht mehr zu retten). Wenn der Knochen um den Zahn herum durch eine Parodontitis (Zahnbetterkrankung) bereits stark abgebaut ist. Wenn nach dem Kürzen der Wurzelspitze zu wenig Wurzel übrig bliebe – der Zahn hätte dann keinen stabilen Halt mehr. Oder bei schweren Allgemeinerkrankungen. In diesen Fällen ist es besser, den Zahn zu entfernen und durch ein Implantat zu ersetzen.

2. Ablauf der WSR – Schritt für Schritt

Eine WSR folgt einem festen Ablauf, der sich in 5 Schritte gliedert. Hier erklären wir jeden einzelnen Schritt so, dass Sie genau wissen, was auf Sie zukommt [2]:

  1. 3D-Röntgen (DVT) & Planung

    Bevor der Chirurg operiert, braucht er ein genaues dreidimensionales Bild. Ein sogenanntes DVT (Digitale Volumentomographie – eine Art 3D-Röntgen speziell für den Kiefer) zeigt exakt, wo die Entzündung sitzt, wie groß sie ist und welche empfindlichen Strukturen in der Nähe liegen – zum Beispiel die Kieferhöhle im Oberkiefer oder der Gefühlsnerv im Unterkiefer [4].
  2. Betäubung & Zugang zum Knochen

    Sie bekommen eine ganz normale örtliche Betäubung – genau wie bei einer Zahnfüllung. Dann macht der Chirurg einen kleinen Schnitt im Zahnfleisch und klappt es vorsichtig zur Seite (wie eine Klappe). So wird der Kieferknochen über der Wurzelspitze sichtbar. Schematische Darstellung: Freilegung der Wurzelspitze durch den Kieferknochen
  3. Knochenfenster & Entzündungsherd entfernen

    Mit einer feinen Fräse wird ein kleines Fenster im Knochen geöffnet – vergleichbar mit einem Miniaturfenster, durch das der Chirurg an die Wurzelspitze gelangt. Das gesamte entzündete Gewebe (Granulom oder Zyste) wird herausgelöffelt und ins Labor geschickt, um es unter dem Mikroskop untersuchen zu lassen.
  4. Wurzelspitze kappen & von unten verschließen

    Illustration: Wurzelspitze wird gekürzt und der Kanal von unten mit MTA verschlossen Jetzt kommt der entscheidende Schritt: Die Wurzelspitze wird um ca. 3 Millimeter gekürzt (reseziert). Unter dem OP-Mikroskop (bis zu 25-fache Vergrößerung) schaut der Chirurg direkt auf die Schnittfläche. Bei der modernen retrograden Technik (retro = von hinten/unten) wird der Wurzelkanal von dieser Schnittfläche aus mit winzigen Ultraschallspitzen gereinigt und dann mit einem speziellen Zement namens MTA (Mineral Trioxide Aggregate) bakteriendicht verschlossen. Stellen Sie sich das so vor: Der Kanal bekommt quasi einen „Korken" von unten [2].
  5. Knochen auffüllen & zunähen

    Darstellung der Knochenheilung nach einer Wurzelspitzenresektion Wenn durch die Entzündung ein größerer Hohlraum im Knochen entstanden ist, wird dieser mit Knochenersatzmaterial aufgefüllt – feines Granulat, das dem Körper als Gerüst dient, auf dem neuer eigener Knochen nachwachsen kann. Darüber kommt bei Bedarf eine hauchdünne Membran (wie ein biologisches Pflaster), die verhindert, dass das Zahnfleisch in den Hohlraum hineinwächst, bevor der Knochen sich regeneriert hat. Zum Schluss wird das Zahnfleisch zurückgeklappt und vernäht.

3. Retrograde vs. orthograde Technik

Bei einer WSR gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Vorgehensweisen – und der Unterschied ist enorm wichtig für den Erfolg [3]:

Die konventionelle (orthograde) Technik – „nur kappen": Bei dieser älteren Methode wird die Wurzelspitze einfach abgeschnitten, ohne die bestehende Kanalfüllung von der Schnittfläche aus zu kontrollieren oder zu erneuern. Das Problem: Wenn die alte Füllung undicht ist, können weiterhin Bakterien aus dem Kanal in den Knochen gelangen. Erfolgsrate: nur ca. 59–75 %.

Die moderne retrograde (mikrochirurgische) Technik – „kappen + von unten abdichten": Nach dem Kürzen der Wurzelspitze schaut der Chirurg unter dem OP-Mikroskop direkt auf die Schnittfläche. Er reinigt den Kanal von unten mit Ultraschall und verschließt ihn mit MTA oder Biokeramik – also mit einem speziellen Zement, der den Kanal wasserdicht versiegelt. Erfolgsrate: 88–96 % [3].

MTA-Verschluss – der aktuelle Gold-Standard

MTA (Mineral Trioxide Aggregate) ist der am besten erforschte Spezialzement für den retrograden Verschluss. Er ist biologisch verträglich, dichtet den Wurzelkanal zuverlässig ab und regt sogar die Bildung von neuem Wurzelzement an – der Körper kann also quasi über die Verschlussstelle „drüberwachsen". Alternativ kommen neuere biokeramische Materialien wie Biodentine zum Einsatz, die ähnliche Eigenschaften haben [5].

4. Mikrochirurgische WSR: OP-Mikroskop & DVT

Wenn Sie sich für eine WSR entscheiden, fragen Sie Ihren Chirurgen gezielt: „Arbeiten Sie mit OP-Mikroskop und machen Sie einen retrograden Verschluss?" Denn die Kombination aus Mikroskop und 3D-Röntgen (DVT) macht den entscheidenden Unterschied [3]:

  • Viel bessere Sicht: Das OP-Mikroskop vergrößert bis zu 25-fach. Damit erkennt der Chirurg selbst haarfeine Risse und versteckte Seitenkanäle, die mit bloßem Auge unsichtbar wären.
  • Kleinerer Zugang, schnellere Heilung: Weil der Chirurg alles vergrößert sieht, braucht er ein deutlich kleineres Knochenfenster. Weniger Knochen wird abgetragen, das Gewebe heilt schneller.
  • Präziserer Verschluss: Das Reinigen und Füllen des Kanals von unten geschieht unter direkter Sicht – kein Tasten im Dunkeln, sondern millimetergenaue Arbeit.
  • Deutlich höhere Erfolgsrate: Studien belegen: Die mikrochirurgische Technik mit Mikroskop hat eine signifikant bessere Erfolgsrate als die konventionelle Methode [3].
Expertentipp des Autors
„Eine Wurzelspitzenresektion ohne OP-Mikroskop und ohne retrograden Verschluss entspricht nicht mehr dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Fragen Sie Ihren Chirurgen gezielt nach der mikrochirurgischen Technik mit MTA-Verschluss – der Unterschied in der Erfolgsrate ist erheblich."

5. Dauer der WSR

Wie lange der Eingriff dauert, hängt davon ab, welcher Zahn betroffen ist – genauer gesagt, wie viele Wurzeln er hat und wie gut er erreichbar ist:

Schneidezähne und Eckzähne (Frontzähne, 1 Wurzel): ca. 30–40 Minuten. Diese Zähne sind gut zugänglich und haben nur einen geraden Kanal.

Kleine Backenzähne (Prämolaren, 1–2 Wurzeln): ca. 40–50 Minuten.

Große Backenzähne (Molaren, 2–3 Wurzeln): ca. 50–60 Minuten oder länger. Hier wird es anspruchsvoller, weil im Oberkiefer die Kieferhöhle und im Unterkiefer ein wichtiger Gefühlsnerv (Nervus alveolaris inferior) in der Nähe verlaufen.

Der Eingriff findet ambulant statt – Sie kommen morgens und gehen danach wieder nach Hause. Ein stationärer Aufenthalt ist nicht nötig.

6. Schmerzen: Während und nach dem Eingriff

Während des Eingriffs

Die wichtigste Nachricht vorweg: Der Eingriff selbst ist schmerzfrei. Sie bekommen eine örtliche Betäubung (Lokalanästhesie) – die gleiche Spritze wie bei einer normalen Zahnbehandlung. Sie spüren während der OP Druck und Vibrationen, aber keinen Schmerz. Falls Sie große Angst vor dem Eingriff haben, ist auf Wunsch auch eine Sedierung (Dämmerschlaf – Sie sind entspannt und dösen) oder eine Vollnarkose möglich.

Nach dem Eingriff

Sobald die Betäubung nachlässt (nach ca. 2–3 Stunden), werden Sie ein Druckgefühl und eine Schwellung bemerken – das ist völlig normal. Die Schwellung erreicht am 2.–3. Tag ihr Maximum (die berühmte „dicke Backe") und geht dann zügig zurück. Mit konsequentem Kühlen und Ibuprofen 400–600 mg (bis zu 3× täglich, nach dem Essen) haben die meisten Patienten die Beschwerden gut im Griff.

7. Kosten & Kassenleistung

Die gute Nachricht: Die Wurzelspitzenresektion ist grundsätzlich eine Kassenleistung – die gesetzliche Krankenkasse übernimmt also den chirurgischen Grundeingriff einschließlich Betäubung und Röntgen. Zusatzkosten entstehen nur, wenn Sie sich für modernere Techniken entscheiden, die nachweislich bessere Ergebnisse liefern:

LeistungWas ist das?Eigenanteil (ca.)Kassenleistung?
WSR BasiseingriffChirurgische Entfernung der Wurzelspitze, Reinigung des Entzündungsherdes0 EuroJa
DVT (3D-Röntgen)Dreidimensionales Röntgenbild – zeigt die Entzündung genauer als ein normales Röntgenbild80–200 EuroNein
OP-MikroskopStarke Vergrößerung (bis 25-fach) für präziseres Arbeiten100–300 EuroNein
Retrograder Verschluss (MTA)Spezieller Zement, der den Kanal von unten bakteriendicht abdichtet50–150 EuroNein
KnochenaufbauAuffüllung des Knochendefekts mit Ersatzmaterial + schützende Membran150–400 EuroNein
Gesamt (mit allen Zusatzleistungen)200–500 Euro

Richtwerte. Die tatsächlichen Kosten variieren je nach Region, Zahnarzt und Komplexität Ihres Falls. Stand: März 2026.

8. Nachsorge & Krankschreibung

  • Kühlen, kühlen, kühlen (erste 48 Stunden)Legen Sie ein Kühlpack (in ein Handtuch eingewickelt) von außen auf die Wange: 20 Minuten kühlen, 20 Minuten Pause. Das ist der wichtigste Tipp, um Schwellung und Schmerzen gering zu halten.
  • Weiche Kost für 5–7 TageSuppen, Brei, Joghurt, Kartoffelpüree – alles, was Sie nicht kauen müssen. Nicht auf der operierten Seite kauen. Keine krümeligen, scharfen oder sehr heißen Speisen.
  • Nicht rauchen – mindestens 2 WochenRauchen ist der größte Feind der Wundheilung. Es verengt die Blutgefäße, reduziert die Sauerstoffversorgung und verdoppelt das Infektionsrisiko. Dieser Punkt ist wirklich entscheidend.
  • Kein Sport für 1–2 WochenKörperliche Anstrengung treibt den Blutdruck hoch, was zu Nachblutungen führen kann. Spaziergänge sind in Ordnung, aber kein Joggen, Gewichte heben oder Schwimmen.
  • Mundspülung ab dem Tag nach der OPIhr Zahnarzt wird Ihnen eine Chlorhexidin-Spülung verschreiben (0,12–0,2 %). Damit 2× täglich sanft spülen – aber bitte nicht am OP-Tag selbst, um den frischen Blutpfropf nicht zu lösen.
  • Fäden ziehen nach 7–10 TagenBeim Kontrolltermin inspiziert der Chirurg die Wunde und entfernt die Fäden. Das ist in der Regel schmerzfrei.
  • Röntgenkontrolle nach 3–6 MonatenIhr Zahnarzt prüft, ob der Knochen sich regeneriert. Die vollständige Ausheilung kann 6–12 Monate dauern – das ist normal und kein Grund zur Sorge.

Krankschreibung & Arbeitsfähigkeit

Die meisten Patienten sind 2–5 Arbeitstage krankgeschrieben. Falls Sie einen körperlich anspruchsvollen Beruf haben (z. B. Bauarbeiter, Pflegekraft), kann es bis zu 7 Tage dauern. Büroarbeit ist in der Regel nach 2–3 Tagen wieder möglich – die Schwellung ist zwar noch sichtbar, aber kein medizinisches Hindernis.

9. Risiken & Komplikationen

Wie bei jedem chirurgischen Eingriff gibt es auch bei der WSR Risiken – diese sind bei erfahrenen Chirurgen mit moderner Technik jedoch selten:

  • Schwellung & Bluterguss (häufig): Fast jeder Patient hat eine Schwellung – das gehört dazu und klingt nach 5–7 Tagen ab. Ein bläulicher Bluterguss an der Wange ist möglich und harmlos.
  • Nachblutung (selten): Leichtes Nachbluten in den ersten Stunden ist normal. Fest auf eine Gazekompresse beißen und kühlen hilft.
  • Taubheitsgefühl an der Unterlippe (Risiko bei unteren Backenzähnen): Im Unterkiefer verläuft ein Gefühlsnerv (Nervus alveolaris inferior) in der Nähe der Wurzelspitzen. In seltenen Fällen kann dieser gereizt werden, was zu einem vorübergehenden Taubheitsgefühl an der Unterlippe führt. Dank DVT-Planung ist dieses Risiko heute sehr gut kalkulierbar.
  • Verbindung zur Kieferhöhle (bei oberen Backenzähnen): Die Wurzeln der oberen Backenzähne reichen manchmal bis dicht an die Kieferhöhle. Selten kann bei der OP eine kleine Verbindung entstehen – diese wird sofort verschlossen und heilt in der Regel problemlos.
  • Entzündung heilt nicht aus (ca. 4–12 %): Trotz sorgfältiger Behandlung kann es vorkommen, dass die Entzündung nicht vollständig abklingt. Dann kann eine erneute WSR oder die Entfernung des Zahns nötig werden [3].

10. Erfolgsquote & Prognose

Die Frage „Wie gut sind die Chancen?" ist verständlicherweise die wichtigste für Patienten. Die Antwort hängt entscheidend von der verwendeten Technik ab [3]:

Konventionelle WSR (ohne Mikroskop, ohne retrograden Verschluss): 59–75 % Erfolg nach 4–6 Jahren. Das bedeutet: Bei bis zu 4 von 10 Patienten kommt die Entzündung zurück.

Mikrochirurgische WSR (mit OP-Mikroskop + retrogradem MTA-Verschluss): 88–96 % Erfolg nach 4–6 Jahren. Hier scheitert die Behandlung nur bei etwa 1 von 10 Patienten.

Was beeinflusst den Erfolg? Neben der OP-Technik spielen mit: die Größe der Entzündung vor dem Eingriff, ob Sie rauchen (Raucher haben schlechtere Heilungsraten), und ob der Zahn anschließend mit einer Krone geschützt wird.

11. Alternativen: WSR vs. Extraktion & Implantat

Die wichtigste Alternative zur WSR ist, den Zahn zu ziehen und durch ein Implantat zu ersetzen. Welcher Weg ist der richtige? Grundsätzlich gilt: Den eigenen Zahn erhalten hat immer Vorrang – aber nicht um jeden Preis. Hier ein direkter Vergleich:

KriteriumWurzelspitzenresektionZahn ziehen + Implantat
ZielIhren eigenen Zahn erhaltenZahn ersetzen durch künstliche Titanwurzel + Krone
Erfolgsquote (nach 5+ J.)88–96 % (mikrochirurgisch)95–97 % (Implantat-Überleben)
Wie lange dauert es?1 Eingriff (30–60 Min.), Zahn sofort belastbar3–6 Monate bis zur fertigen Krone (Einheilzeit)
Kosten (ca.)Kasse + 200–500 € Eigenanteil1.800–3.500 € (komplett privat)
Chirurgischer AufwandKleiner Eingriff, ambulantZahnentfernung + Implantation (ggf. Knochenaufbau)
Wann sinnvoller?Zahn hat genug Substanz, keine Fraktur, ausreichend WurzellängeWurzellängsfraktur, gescheiterte WSR, massive Parodontitis
Ausführlicher Ratgeber: Zahnimplantate

12. Besondere Situationen

WSR in der Schwangerschaft

Schwangerschaft & Wurzelspitzenresektion

Eine WSR ist ein geplanter chirurgischer Eingriff – und planbare OPs werden in der Schwangerschaft grundsätzlich auf die Zeit nach der Entbindung verschoben. Nur bei einem echten Notfall (z. B. Abszess mit Eiter und Schwellung) kann im 2. Trimester operiert werden [6].

Geplante WSR: verschieben

Wenn es nicht akut ist, warten Sie bis nach der Stillzeit. Das ist der sicherste Weg.

Akuter Notfall: 2. Trimester

Ein eitriger Abszess kann nicht warten – das Infektionsrisiko für Sie und Ihr Baby wäre zu groß. Die OP ist im 2. Trimester sicher durchführbar.

3D-Röntgen nur wenn nötig

Ein DVT wird in der Schwangerschaft nur bei absoluter Notwendigkeit gemacht. Digitales Röntgen mit Bleischürze minimiert die Strahlung erheblich.

Schmerzmittel anpassen

Paracetamol statt Ibuprofen. Falls ein Antibiotikum nötig ist, gilt Amoxicillin als sicher in der Schwangerschaft.

13. Häufige Patientenfragen (FAQ)

Ist eine Wurzelspitzenresektion schmerzhaft?
Nein – während des Eingriffs spüren Sie dank der örtlichen Betäubung keinen Schmerz. Danach kommt es zu einer Schwellung und einem Druckgefühl für 3–5 Tage. Mit Kühlen und Ibuprofen haben die meisten Patienten das gut im Griff. Wer große Angst hat, kann auch einen Dämmerschlaf (Sedierung) oder eine Vollnarkose bekommen.
Wie lange dauert der Eingriff?
Je nach Zahn 30–60 Minuten. Schneidezähne (1 Wurzel) sind am schnellsten, große Backenzähne (2–3 Wurzeln) brauchen länger. Sie gehen danach wieder nach Hause – kein Krankenhausaufenthalt nötig.
Was kostet eine Wurzelspitzenresektion?
Der chirurgische Grundeingriff ist Kassenleistung – Sie zahlen nichts dafür. Für die modernen Zusatztechniken (OP-Mikroskop, 3D-Röntgen, MTA-Verschluss) fallen Eigenanteile von insgesamt ca. 200–500 Euro an. Diese Techniken verbessern die Erfolgsrate deutlich.
Wie lange werde ich krankgeschrieben?
In der Regel 2–5 Arbeitstage. Bürojobs gehen oft nach 2–3 Tagen, körperlich anstrengende Berufe brauchen bis zu 7 Tage. Kein Sport für 1–2 Wochen. Die stärkste Schwellung haben Sie am 2.–3. Tag.
Wie hoch ist die Erfolgsquote?
Mit moderner Technik (OP-Mikroskop + MTA-Verschluss): 88–96 % Erfolg. Das heißt: Bei 9 von 10 Patienten heilt alles aus [3]. Ohne Mikroskop liegt die Rate nur bei 59–75 % – ein gewaltiger Unterschied.
Was ist der Unterschied zwischen retrograder und konventioneller WSR?
Bei der konventionellen Technik wird die Wurzelspitze nur abgeschnitten. Bei der retrograden (modernen) Technik wird zusätzlich der Kanal von unten mit einem Spezialzement (MTA) abgedichtet. Das ist der Schlüssel zum Erfolg – denn ohne diesen Verschluss können weiter Bakterien aus dem Kanal austreten [2].
WSR oder Zahn ziehen – was ist besser?
Ihren eigenen Zahn erhalten ist immer die erste Wahl. Eine WSR ist sinnvoll, wenn noch genug Zahnsubstanz vorhanden ist und keine Wurzelfraktur vorliegt. Nur wenn der Zahn wirklich nicht mehr zu retten ist, empfehlen wir die Extraktion mit anschließendem Implantat.
Kann der Eingriff auch unter Vollnarkose stattfinden?
Ja. Neben der normalen örtlichen Betäubung bieten viele Praxen eine Sedierung (Dämmerschlaf) oder Vollnarkose an – besonders für Angstpatienten. Die Kosten dafür (ca. 200–400 €) werden allerdings nicht von der gesetzlichen Kasse übernommen.
Ist eine WSR in der Schwangerschaft möglich?
Grundsätzlich wird eine WSR in der Schwangerschaft verschoben, weil es ein geplanter chirurgischer Eingriff ist. Nur bei akutem Notfall (Abszess mit Eiter) kann im 2. Trimester operiert werden. Die örtliche Betäubung ist sicher [6].
Was darf ich nach der OP essen?
In den ersten 5–7 Tagen am besten weiche Kost: Suppen, Kartoffelpüree, Joghurt, Smoothies. Nicht auf der operierten Seite kauen. Nichts Heißes, Scharfes oder Krümeliges. Kein Alkohol für mindestens 3 Tage.
Was ist der Unterschied zwischen Wurzelbehandlung und WSR?
Eine Wurzelbehandlung reinigt den Zahn von innen – der Zahnarzt geht durch die Zahnkrone in die Kanäle. Eine WSR ist ein chirurgischer Zugang von außen durch den Kieferknochen. Die WSR ist der nächste Schritt, wenn die Wurzelbehandlung nicht geholfen hat.
Wann ist eine WSR nicht möglich?
Bei einem Längsriss in der Wurzel (dann ist der Zahn nicht mehr zu retten), bei massivem Knochenabbau durch Parodontitis, wenn nach dem Kürzen der Wurzelspitze zu wenig Wurzel übrig bliebe, und bei bestimmten Allgemeinerkrankungen wie einer Bisphosphonat-Therapie (erhöhtes Risiko für Knochennekrose).
Wissenschaftliche Quellen & Leitlinien

Die ECDI arbeitet evidenzbasiert. Dieser Artikel stützt sich auf die folgenden aktuellen Leitlinien und Studien:

  1. Duncan, H. F., Kirkevang, L.-L., Peters, O. A., El-Karim, I., ... & the ESE Workshop Participants. (2023). Treatment of pulpal and apical disease: The European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal, 56(Suppl. 3), 238–295. https://doi.org/10.1111/iej.13974
  2. Kim, S. & Kratchman, S. (2006). Modern endodontic surgery concepts and practice: A review. Journal of Endodontics, 32(7), 601–623. https://doi.org/10.1016/j.joen.2005.12.010
  3. Setzer, F. C., Shah, S. B., Kohli, M. R., Karabucak, B. & Kim, S. (2010). Outcome of endodontic surgery: A meta-analysis of the literature – Part 1: Comparison of traditional root-end surgery and endodontic microsurgery. Journal of Endodontics, 36(11), 1757–1765. https://doi.org/10.1016/j.joen.2010.08.007
  4. Patel, S., Durack, C., Abella, F., Shemesh, H., Lambrechts, P. & Lemberg, K. (2015). Cone beam computed tomography in endodontics – A review. International Endodontic Journal, 48(1), 3–15. https://doi.org/10.1111/iej.12270
  5. Torabinejad, M. & Parirokh, M. (2010). Mineral trioxide aggregate: A comprehensive literature review – Part II: Leakage and biocompatibility investigations. Journal of Endodontics, 36(2), 190–202. https://doi.org/10.1016/j.joen.2009.09.010
  6. American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG). (2013). Committee Opinion No. 569: Oral health care during pregnancy and through the lifespan. Obstetrics & Gynecology, 122(2, Part 1), 417–422. https://doi.org/10.1097/01.AOG.0000433007.16843.10
  7. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). (2024). Richtlinie für eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche vertragszahnärztliche Versorgung (Behandlungsrichtlinie). Abschnitt B. VIII. Chirurgische Leistungen. G-BA Richtlinien
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.
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  • Brücken sind günstiger und schneller als Implantate, erfordern aber Zahnsubstanzverlust und können ästhetische Nachteile bringen.

  • Implantate brauchen Zeit zum Einheilen – wie ein Knochenbruch. Gute Hygiene, Rauchverzicht und Geduld fördern die Heilung und den Erfolg.

  • Die Implantation ist ein geplanter Routineeingriff. Kühlung, Hygiene und ggf. Medikamente helfen, Schwellung und Schmerzen gering zu halten.